Lanciamira

Klettertour
Rätikon
1000 Hm
Drusenfluh-Westgipfel
2727 m

Ohne je in der Schweiz geklettert zu sein, kenne ich viele der dortigen Gebiete und Touren aus dem Blog von Marcel Dettling. Durch diese Lektüre haben Namen wie »Rätikon« und »Wendenstöcke« für mich einen verheißungsvollen Klang gewonnen. Diese Orte einmal kennenzulernen, ist ein alter Traum. Mein Leben hat bisher aber wenig Raum für ausgedehnte Klettertrips gelassen. In diesem Sommer jedoch bietet sich durch den Besuch von Mona und ihren Kindern eine unerwartete Gelegenheit. Nina entbindet mich für mehrere Tage von meinen familiären Verpflichtungen, mit Bruno steht ein motivierter Partner bereit, der sich eigens unbezahlten Sonderurlaub verschafft und auch das Wetter spielt brav mit.

Nach einigem Führerstudium fällt unsere Wahl auf die Gebiete Rätikon und Furkapass. In der Vorbereitung hat sich gezeigt, dass das Angebot an Touren, die im geeigneten Schwierigkeitsbereich liegen und unseren doch relativ hohen Ansprüchen an die Absicherung entsprechen, gar nicht so groß ist. Wir fahren mit Brunos ausgebautem Kangoo, in dem wir auch schlafen werden. Einen solchen Urlaub habe ich seit vielen Jahren nicht mehr gemacht. Es ist ein großes, aufregendes Abenteuer.

Am Sonntag, dem Anreisetag, steigen wir nachmittags um kurz vor drei am rechten Rand der Kirchlispitzen in die »Désù« ein. Bruno beginnt. Schnell zeigt sich, dass das im Panicoführer von 2008 enthaltene Topo nicht mit der Realität übereinstimmt. Laut Topoguide ist die unterste Seillänge nachträglich ergänzt worden, im Panico wurde aber lediglich die Position des Einstiegs zeichnerisch korrigiert, ohne eine zusätzliche Seillänge zu ergänzen. Den zweiten Stand mache ich an einem soliden Bohrhaken und einem uralten Kronenbohrhaken. Von dort müssen etliche Meter in nicht trivial aussehendem Gelände bis zum nächsten Haken geklettert werden, mit der Aussicht auf eine Bombe in den Stand. Bruno erledigt das erfolgreich, wobei sich die Kletterei als leichter als befürchtet erweist. Nach einer rampenartigen Verschneidung geht es nach links zum nächsten Stand. Hier erkennen wir, dass wir wohl erst am zweiten Stand laut Topo sind. Möglicherweise wäre es günstig gewesen, die vorangegangene Kletterstrecke noch an die zweite Seillänge anzuhängen. Wir lassen es an dieser Stelle gut sein und seilen ab. Die verbleibende Zeit nutzen wir, um schon einmal den Einstieg der »Lanciamira« zu erkunden und die Kletterausrüstung dort für den nächsten Tag zu deponieren.

Am nächsten Morgen stehen wir um 09:00 Uhr zum Einsteigen bereit.

1. SL + 2. SL, 5a + 5c, Daniel: Leichte und schöne Plattenkletterei. Obwohl mir bei Betrachtung von unten und Vergleich mit dem Topo vor dem Start eigentlich klar ist, dass der erste Stand bereits weit unter der die Platten abschließenden Stufe liegen muss, sehe ich ihn während des Kletterns nicht und marschiere im leichten Gelände so lange weiter, bis ich einen Stand unmittelbar vor der Stufe erreiche. Obwohl ich mich darüber kurz wundere, wird mir mein Fehler nicht bewusst. Auch Bruno bemerkt im Nachstieg nichts. Erleichtert wird unser Irrtum durch die deutlich falschen Längenangaben im Topo (30 m + 40 m). Tatsächlich dürfte die Kombination beider Seillängen zusammen kaum 40 m aufweisen, wie auch das von diesem Stand aufgenommene Foto zeigt.

3. SL, 6b, Bruno: Die Seillänge beginnt mit der erwähnten Stufe, die etwas nass und gar nicht so einfach zu überwinden ist. Im Nachstieg benutze ich die rechte Begrenzungswand mit, was die Sache leichter macht. Der Rest der Seillänge ist ohnehin gemäßigter.

4. SL, 5c, Daniel: Diese Wasserrillenplatte halte ich für 6b und bin erfreut, wie leicht ich durchkomme. Da stören mich auch die etwas größeren Hakenabstände nicht.

5. SL, 6c, Bruno: Der Beginn sieht schwierig aus. Bruno reißt links gleich mal was ab und fliegt raus. Die Stelle entpuppt sich aber als eigentlich einfach, weil eine Schuppe links sehr gute Griffe bietet. Der anschließende Übergang in die Platte allerdings ist wirklich bretthart und stürzt Bruno, der mit 5c gerechnet hat, in Selbstzweifel. Im Nachstieg komme ich auf wundersame Weise gerade so durch, was sich an einer Stelle wie ein Verstoß gegen physikalische Gesetzmäßigkeiten anfühlt. Es ist immer wieder erstaunlich, worauf man alles stehen kann.

6. SL, 6a, Daniel: Die erste Hälfte der Seillänge besteht aus Gehgelände mit sporadischen Orientierungshaken. Dann folgt ein kurzer Aufschwung mit guten Griffen an einer Schuppe. Das fällt uns beiden leicht und macht Spaß. Die vermeintliche Bewertung 6c erscheint uns im Vergleich mit der vorherigen vermeintlichen 5c als absurd, was uns aber noch nicht auf die richtige Spur bringt.

7. SL, 6a+, Bruno: Eine sehr geile Länge. Bruno legt zwischendrin einen Friend, den anschließend zu bergen mich einige Mühe kostet.

8. SL, 4a, Daniel: Wir haben noch immer nicht kapiert, wo wir eigentlich sind. Entsprechend gehe ich geradeaus zum im Topo deutlich mit »no!« gekennzeichneten Abseilstand. Erst als Bruno nachkommt und wir darüber diskutieren, dass hier etwas nicht stimmen kann, lösen wir das Rätsel. Er klettert also direkt zum richtigen Stand und ich seile mich anschließend dorthin ab.

Es lässt gewiss an unserer Übersicht und Lesekompetenz zweifeln, dass wir acht Seillängen benötigt haben, um zu erkennen, dass wir im Topo um eine Länge verrutscht sind. Eine mögliche Erklärung ist, dass ein genaueres Studium des Topos wegen der immer klar erkennbaren Hakenlinie nicht erforderlich war. Hauptsächlich haben wir uns jeweils die für die vermeintlich folgende Kletterstrecke ausgegebenen Schwierigkeitsgrade angesehen. Durch deren Abfolge hat Bruno mehrmals Gelände vorgefunden, das deutlich schwierigerer als erwartet war, während es für mich stets leichter als befürchtet lief. Mir hat das ein Hochgefühl beschert, während Bruno gemeinerweise das Gefühl beschlich, einen schlechten Tag erwischt zu haben.

9. SL, 6a, Daniel: Nach den vorangegangenen Manövern steige ich auch diese Länge vor und mache gleich den nächsten Fehler. Nach einer kurzen Stufe bin ich wegen eintreffender Anrufe und Nachrichten unkonzentiert und schließe eine zu lange Rechtsquerung bis zu einem (wieder im Topo vermerkten) Stand der Nachbartour »Schwarzer Diamant« an. Ich erkenne meinen Fehler am plötzlich anderen Hakenmaterial und kann die Position des richtigen Stands zumindest so weit erahnen, dass ich den nachsteigenden Bruno dort hin dirigieren kann. Dann quere ich zu ihm hinüber.

10. SL, 6b, Daniel: Aus Gründen der Seilhygiene steige ich auch diese megagute Länge vor. Sie startet mit zwei oder drei kräftigen Zügen an Untergriffen durch einen kleinen Überhang, dann wartet ein Belohnungshenkel. Es folgen Wasserrillen, in denen man jeweils auch zwischen den Haken etwas klettern muss.

11. SL, 6b, Bruno: Leicht brüchig und gar nicht so einfach nach rechts zu Wasserrillen, dann sehr schön an diesen hinauf. Nach einem kurzen Schrofenband folgen noch ein paar genussvolle Meter an großen Griffen.

12. SL, 6b, Daniel: In dieser Länge ist der Fels eher blockig und zur Abwechslung nicht ganz über jeden Zweifel erhaben. Die Kletterei ist entsprechend aber auch großgriffig, athletisch und genau mein Geschmack.

13. SL, 6b+, Bruno: Ich tue mich im Nachstieg sehr schwer. Bei einer Querung mache ich wieder einen Move, bei dem nicht glauben kann, dass ich nicht rausfliege. Anschließend muss noch ein kleines Dachl kräftig an einer Schwachstelle überwunden werden. Atemlos und froh rette ich mich zum Stand.

14. SL, 6c, Daniel: Nach der anstrengenden vorherigen Seillänge sollte ich etwas warten, bevor ich weiterklettere, mache das aber nicht. Jetzt geht mir schon am Beginn des schweren Teils der Strom aus und ich brauche mehrere Anläufe, um eine mit meinen müden Fingern noch kletterbare Lösung zu finden. Der bisher gehaltene rote Punkt ist futsch und obwohl ich letztlich alles frei klettere, bin ich so enttäuscht, dass meine bisher gute Laune zwischenzeitlich darunter leidet. Der anschließende Stand ist irgendwie zu hoch und ziemlich unbequem. Das gesamte unfreundliche Ambiente ist nicht geeignet, die Stimmung zu heben.

15. SL, 6b 2pa (7b+), Bruno: Ich bin sehr froh, dass Bruno die Aufgabe übernimmt, vom düsteren und feuchten Stand in dieses grauslig aussehende Dach einzusteigen. Er meistert diese Bewährungsprobe mit Anstand und einigem Gebastel. Wenn man den Blöcken Vertrauen schenkt, sind durchaus einige gute Griffe vorhanden. Die Tritte sind aber weit entfernt, so dass für eine freie Begehung wohl zumindest einige Körperspannung erforderlich ist. Wir finden die Seillänge beide hässlich.

16. SL, 5b, Daniel: Auf die im Topo erwähnte 6b-Variante (»gesucht & kühn«) verzichte ich. Der Rest der Seillänge ist kaum erwähnenswert. Auf eine kurze 5b-Stufe folgen einige zehn Meter Schrofen.

17. SL, 6a+, Bruno: Die mögliche Umgehung links nutzen wir nicht, sondern klettern direkt in schönen Wasserrillen hinauf. Dabei ist eine kurze schwierigere Stelle zu überwinden, was mir gut gelingt.

Gegen 17:40 Uhr erreichen wir den nicht sonderlich ausgeprägten Westgipfel, der durch eine Schlucht vom eigentlichen Gipfel getrennt ist. Die Aussicht ist sehr schön, besonders die nach Norden zum Lechquellengebirge. Der Abstieg auf der österreichischen Seite sieht kurz aus, zieht sich aber doch ziemlich hin. Während oben Gehgelände dominiert, folgt weiter unten noch einige IIer-Kraxelei. Wir bewundern dabei den Farbenreichtum des Gesteins. Erst gegen 20:00 Uhr sind wir zurück am Auto.

Spätabends kommt Mehrseillängenfanatiker und Gebietskenner Alfred im strömenden Regen von der Lindauer Hütte herübergewandert. Er verbringt die Nacht in der Pardutzhütte. Er soll sich am folgenden Tag als Vorsteiger einer Dreierseilschaft austoben dürfen, während Bruno und ich uns im Nachstieg ausruhen.

Morgens ist der angedachte »Schweizerzoo« allerdings pitschnass und auch die Alternative »Kasama« muss noch etwas abtrocknen. Wir queren daher vom Schweizer Tor in die Tour »Üfüüfzg« an der 7. Kirchlispitze ein und klettern deren schöne Seillängen sieben bis neun (7-, 8-, 6+), was allen stilrein gelingt. Nach einem Fussabstieg zurück zum Schweizer Tor begehen wir die mittlerweile ausreichend trockene »Kasama«. Deren zweite und dritte Länge hängt Alfred zusammen. In der vierten Länge benötigt er einige Zeit zum Ausbouldern der Schlüsselstellen. Anschließend probiert Bruno etwas herum. Während ich am Stand auf meinen Einsatz warte, verliere ich die Reste meiner Energie und Motivation. Entsprechend kläglich gestaltet sich meine weitere Performance. Die Seillänge endet mit einer langen Querung, dort mache ich einen gruseligen Pendelsturz an meinem dünnen Einzelstrang. Das Seil hält, aber von einigen Metern weiter unten wieder in die Kletterlinie zu kommen, kostet zusätzlich. Kurzum: Mir reicht es an dieser Stelle eigentlich. Die fünfte und letzte Seillänge muss ich mich natürlich trotzdem auch noch hochkämpfen. Bruno überlässt mir freundlicherweise den Vortritt, so dass ich seinen Seilstrang in der erneuten Querung gegebenenfalls als Geländer nutzen könnte, was aber nicht erforderlich ist.

Abends bringen wir Alfred zum Bahnhof im bemerkenswert hässlichen Landquart, essen dort eine Pizza und suchen uns anschließend einen schönen Platz für die Nacht.

Für das Verfassen dieses Berichts habe ich nun vermutlich fast ebenso lange gebraucht wie für die Begehung. Bei einer Tour des noch viel schreibfleißigeren Marcel Dettling ist das aber wohl angemessen.